Alexandra Maria Lara zu „Jugend ohne Jugend“

Woran lag es, dass „Jugend ohne Jugend“ in vielen Ländern nicht wirklich gut gelaufen ist?

Das liegt natürlich zum einen an allem, was in diesem Film gezeigt wird. Das muss man mögen, darauf muss man sich einlassen können und das ist nicht immer so einfach. Für mich war jetzt kürzlich auch diese Cannes-Erfahrung sehr spannend. Man hat sich da viele Filme angesehen, die man sonst wohl nicht im Kino gesehen hätte und da bekommt man auch ein Gespür dafür, wie man sich sehr schnell ein Bild von einem Film macht. Sean Penn hat dann sehr weise gesagt, dass wir vielleicht manchmal sehr schnell ein Gefühl zu einem Film haben, das sich dann aber nach ein paar Tagen auch wieder verändern kann. „Jugend ohne Jugend“ ist ein sehr ungewöhnlicher Film, der sehr ungewöhnliche Themen behandelt, wenn man sich zum Vergleich einmal ansieht, was sonst in Filmen gezeigt wird. Das war wohl der eine Grund dafür, dass der Film so aufgenommen wurde. Der andere war sicherlich auch, dass Francis Ford Coppola bestimmte Erwartungshaltungen in manchen Menschen weckt und viele haben einfach mit etwas ganz anderem gerechnet. Dann kommt auch noch hinzu, dass Coppola sicherlich auch einige Neider hat, die sich bestimmt gefreut haben mal etwas zu schreiben, das gegen einen Meister wie ihn geht.

Hast Du beim Lesen des Drehbuchs gleich verstanden, worum es geht oder hast Du erst einmal eine Art spirituellen Kurs von Coppola bekommen?

Ich habe das Buch mehrmals gelesen, weil ich natürlich auch etwas panisch war und auch gerne im Stande sein wollte ihm auf eventuelle Fragen antworten zu können. Ich hatte Skizzen, wann sich welche Person gerade in welchem Land befindet und was da gerade passiert. Das ist eindeutig ein Buch und auch ein Film, bei dem man das Ganze erst ein wenig auf sich wirken lassen muss, um alles verstehen zu können. Bei einer Premiere in Los Angeles hat Coppola das Publikum begrüßt und gesagt, dass seine großen Vorbilder, wie zum Beispiel Fellini, Filme gemacht haben, die man nicht immer in jedem Detail versteht, die einen aber mit einem besonders starken Gefühl zurücklassen und ich glaube, dass dieser Film das auch kann. Ansonsten ist es auch eine Aufforderung und eine Einladung an alle, die sich diesen Film ansehen sich auch ihre eigenen Gedanken dazu zu machen.

Wie war das mit den ganzen verschiedenen Sprachen, die Deine Rolle sprechen musste? War es schwierig das alles auswendig zu lernen und wusstest Du überhaupt, was das alles heißt?

Ja, wir haben natürlich alle Texte mit Übersetzung bekommen. Es ist auch sehr wichtig, dass man weiß, was man da gerade sagt. Ansonsten hatte ich daran ganz großen Spaß, weil mich Sprachen schon immer fasziniert haben. Die Idee zum Ursprung der Sprache zurückzukehren – und genau das passiert ja meiner Figur, auch wenn sie das nicht merkt – ist natürlich wahnsinnig spannend. Das Auswendiglernen an sich ist keine sehr große Schwierigkeit, das geht genauso wie mit jedem anderen Text auch.

Nun war das ja eigentlich doppelt etwas Besonderes für Dich, weil Du auf der einen Seite mit dem großen Genie Francis Ford Coppola zusammenarbeiten durftest und auf der anderen Seite nach Rumänien durftest. Wusste er eigentlich, dass Du diese rumänische Geschichte hast?

Er hat das glaube ich eher zufällig herausgefunden. Der eigentliche Grund, warum er mich angesprochen hat, war „Der Untergang“, den er fantastisch findet. Daraufhin hat er mich gefragt, ob wir uns treffen können. Für mich war das natürlich aus so vielen Gründen die unglaublichste Erfahrung überhaupt. Zum einen habe ich mir im ersten Moment gedacht, dass das gar nicht der echte Francis Ford Coppola sein kann, der mich da anschreibt und dann habe ich einen wunderbaren Menschen kennengelernt, der überhaupt gar kein Interesse daran hat andere Menschen irgendwie einzuschüchtern. Das ist jemand, der daran interessiert ist den Menschen schnell alle Hemmungen und Ängste zu nehmen und trotzdem stand ich 30 Tage in dem Bewusstsein an wessen Set ich da überhaupt sein darf. Das macht natürlich alles mögliche mit einem. Manchmal hat mir das wahnsinnige Angst gemacht, weil ich ihn möglichst nicht enttäuschen wollte. Ich wollte ihm zeigen, dass ich auch genauso interessiert bin etwas wirklich gutes zu machen. Im Film selbst sind natürlich nur wenige der Szenen enthalten, die wir da gemacht haben. Der Autor der Buchvorlage ist ein rumänischer Philosoph, der dort auch sehr bekannt ist. Ich selbst kannte ihn auch schon vor dem Film durch meine Eltern. Für mich persönlich habe ich mein Geburtsland durch den Dreh noch besser entdeckt, weil wir auch an Orten waren, an denen ich vorher noch nie war.

Wie war es für Dich als Du Dich in der Maske als ältere Frau gesehen hast? Bist Du erschrocken? Wäre es in Ordnung für Dich, wenn Du später so aussehen würdest?

Ich bin überhaupt nicht erschrocken. Ganz unabhängig davon, wie ich später einmal aussehen werde, finde ich es gut, wenn man so altert, wie es einem die Natur vorgibt. Das ist natürlich bei jedem anders. In einer Zeit des Jugendwahns finde ich es wahnsinnig interessant mit welchen Themen sich der Film beschäftig. Aber ich habe mich in Helmut Dietls Film „Vom Suchen und Finden der Liebe“ ja bereits als 80jährige Frau gesehen und deshalb habe ich mich da gar nicht erschrocken. So etwas macht ja auch immer sehr viel Spaß.

Wie kann man sich die Arbeitsweise von Coppola am Set vorstellen?

Das bin ich schon mehrmals gefragt worden und es ist wahnsinnig schwierig darauf zu antworten. Ich nehme mal an, dass es bei Genies häufig so ist, dass sie eine sehr einfache Art haben sich auszudrücken. Aber hinter dieser einfachen Art steckt gleichzeitig wahnsinnig viel. Er hat uns unglaublich viele Freiheiten gelassen, aber gleichzeitig hatten glaube ich alle Schauspieler das Gefühl auf der Hut sein zu müssen, um für eventuelle Überraschungen gewappnet zu sein. Dadurch, dass wir auf Video gedreht haben, hatten wir die eigentlich üblichen Unterbrechungen nicht – normalerweise kann man eine bestimmte Zeit lang drehen und muss dann erst einmal eine Pause machen. Das ist beim Videodreh nicht der Fall und so hatte er die Möglichkeit mit uns Dinge zu machen, die sonst nicht möglich wären. Wir haben Dialogszenen zum Beispiel wahnsinnig schnell 20 Mal hintereinander gedreht und da macht dann jeder Schauspieler irgendwann etwas ganz anderes als beim ersten Mal. Dann hat er auch einmal gesagt, dass wir die Szene noch einmal ohne Text spielen sollen. Das sind so Sachen, die einem Schauspieler sehr viel Spaß machen, weil man sie sonst nicht erlebt. Das hat mich teilweise sehr an meine Zeit an der Schauspielschule erinnert, weil man da auch sehr viel Zeit hatte Dinge auszuprobieren, die beim Film aus Geld- und Zeitgründen normalerweise absolut nicht möglich sind. Das ist aber auch sein großes Vergnügen und sein großer Spaß sich auch jeden Tag aufs neue überraschen zu lassen.

Hat er Euch Filme oder Literatur vorgegeben, um Euch auf die Rollen vorzubereiten?

Ja, ich habe einige Bücher zum Ursprung von Sprache gelesen. Ich wollte nicht nur an den Drehort gehen und mich darauf verlassen, was von mir verlangt wird, sondern wollte verschiedene Möglichkeiten bieten. Ich wollte, dass er sieht, dass ich mir da auch Gedanken gemacht habe und habe dann auch alle meine Lehrer aus der Schauspielschule angerufen, um mir Tipps zu holen. Das sind natürlich spannende Fragen, was zum Beispiel auch körperlich mit einer Person geschieht, die Nachts aufwacht und plötzlich babylonisch spricht. Wie äußert sich so etwas?

Hatten die anderen Schauspieler die gleiche Ehrfurcht vor Coppola, wie Du sie hattest oder auch immer noch hast?

Ich glaube, dass die das genauso hatten. Wenn man seinen Beruf liebt kann einem eigentlich nichts unglaublicheres geschehen als mit jemandem wie ihm zusammenarbeiten zu dürfen. Ich glaube, dass auch Tim Roth erst einmal nicht glauben konnte, dass ihn da Francis Ford Coppola angeschrieben hat. Bruno Ganz war auch ungläubig. Man kann das einfach gar nicht glauben. Er ist einfach faszinierend und großartig.

Kam eigentlich zuerst ein Anruf oder ein Brief von Coppola?

Er hat mir zuerst einen Brief geschickt und darin hat er geschrieben, dass ich ihn anrufen soll, wenn ich fertig gelesen habe. Ich habe dann diese Nummer gewählt und in dem Moment als ich eine Stimme gehört habe sofort wieder aufgelegt. Eine totale Kurzschlussreaktion. Das peinliche war, dass er meine Nummer im Display gesehen hat und daraufhin dann zurückgerufen hat. Ich habe dann irgendetwas von einer schlechten Verbindung erzählt. Englisch ist ja nicht meine Muttersprache und mit jemandem wie Coppola in einer Fremdsprache zu telefonieren ist alles andere als einfach, aber trotzdem toll.

Hatte er Dich zu diesem Zeitpunkt schon fest für diese Rolle ausgesucht?

Der Brief hörte sich schon sehr nach einem konkreten Angebot an. Aber so etwas wagt man natürlich in keinster Weise zu glauben. Es war dann aber klar, dass wir uns treffen würden und das war an einem Tag, an dem British Airways gestreikt hat. Ich konnte nicht fliegen und dachte schon, dass ich ihn niemals sehen würde und die Chance weg war. Ich musste dann ein paar Stunden warten bis ein neuer Termin ausgemacht war und bin dann nach London geflogen, um ihn zu treffen. Am Nachmittag hätte ich eigentlich nach Berlin zurückfliegen sollen, aber er hat dann gefragt, ob ich für Maskentests gleich in London bleiben kann. Ich habe da dann auch Tim Roth kennengelernt und da wurde es dann plötzlich sehr konkret.

Hast Du an solch großen Produktionen jetzt Blut geleckt?

Ja und Nein. Ich glaube zum einen, dass die Welt mit sehr viel Begeisterung auf das europäische Kino blickt. Immer mehr Filmemacher und Produzenten kommen nach Europa, um hier ihre Filme zu machen. Dadurch ergeben sich automatisch auch Chancen für Schauspieler, die es sonst eher schwerer haben überhaupt einmal Fuß zu fassen. Aber schlussendlich könnte ich auch keinen der Regisseure, mit denen ich bisher gearbeitet habe mit den anderen vergleichen. Im Endeffekt hängt es immer vom Regisseur ab, wie man eine solche Produktion empfindet. Die Stimmung und Atmosphäre hängt immer vom Regisseur ab.

Ist es für Dich jetzt leichter geworden Angebote zu bekommen – jetzt wo alle wissen, dass Du auch in vier Sprachen drehen kannst?

Ich finde, dass es im Moment eher schwieriger für mich geworden ist. Diese internationalen Produktionen waren natürlich auch Glücksfälle und Ausnahmesituationen. Ich werde mich davor hüten zu sagen, dass ich jetzt immer so weiter machen könnte. In Amerika und England gibt es großartige Schauspieler und die haben alle den Vorteil, dass sie Englisch als Muttersprache haben. Man hört in meinen Rollen natürlich, dass ich Englisch mit Akzent spreche. Ich liebe auch das deutsche Kino und bin sehr froh, dass „Der Baader Meinhof Komplex“ jetzt dann in die Kinos kommt. Aber ich weiß nicht, ob die Leute wissen wie gerne ich in Deutschland arbeite und international waren es wie gesagt eben glückliche Situationen und Umstände, die mir das ermöglicht haben.

Haben deutsche und gerade auch jüngere Regisseure in gewisser Weise Berührungsängste, weil sie sagen, dass sie Dich gar nicht fragen brauchen, weil Du ja bereits mit jemandem wie Francis Ford Coppola gedreht hast?

Ja, vielleicht gibt es so etwas und für mich wird es dadurch auch nicht einfacher. Ein Schauspieler ist letztendlich ja auch nur ein Angestellter, der eben gebucht wird oder auch nicht. Mittlerweile habe ich auch eine gewisse Verantwortung bei welchen Projekten ich zusage und bei welchen nicht. Auch an mich selbst habe ich da Ansprüche. Ich versuche auch immer Rollen zu finden, die von der Art her komplett anders sind als das was ich bisher gemacht habe. Mir werden dann aber auch immer wieder Rollen angeboten, die sich sehr mit denen ähneln, die ich schon gespielt habe. Teilweise ist das sehr schwer zu entscheiden und ich möchte selbstverständlich immer möglichst gute Sachen machen.

Deine Mutter ist ja Sprachwissenschaftlerin – hat sie Dir für „Jugend ohne Jugend“ Tipps gegeben?

Meine Mutter hat Ihren Doktor in Philologie gemacht und hatte schon immer sehr spannende Sachen zu erzählen gehabt. Sie ist jemand, der Sprachen liebt und sicherlich hat sie mir diese Liebe auch weitergegeben. Ich könnte mich jetzt allerdings an kein konkretes Beispiel erinnern. Aber ich habe sehr viel mit ihr darüber gesprochen.

Gibt Dir Dein Vater auch noch Tipps? Er ist ja Schauspiellehrer.

Mein Vater hat mir die besten Tipps gegeben. Weniger konkret zu einer Rollengestaltung, aber er hat mich für das Leben als Schauspielerin stark gemacht und das ist natürlich unbezahlbar.

Vielen Dank für das Interview!

Daniel Fürg

Daniel Fürg

Daniel Fürg absolvierte eine Ausbildung beim Bayerischen Rundfunk und bildete sich an der Bayerischen Akademie für Werbung und Marketing zum Kommunikationswirt fort. Er gründete verschiedene Onlinemedien, wie zum Beispiel MUNICH's BEST, 100SINS oder Social Secrets und arbeitete unter anderem für den Bayerischen Rundfunk, die Finanzsparte von Siemens, die Sana Kliniken AG und die MAROundPARTNER GmbH. Als Geschäftsführender Gesellschafter von Fürg Media berät er heute Unternehmen bei der Entwicklung und Umsetzung ganzheitlicher Kommunikationsstrategien. Daniel Fürg engagiert sich außerdem aktiv als Mitglied des Vorstands im Internationalen PresseClub München e.V. und ist Initiator der Digital Future Conference 48forward.