Alles steht Kopf

Riley ist ein kleines Mädchen aus Minnesota mit hauptsächlich freudigen Erinnerungen. Das liegt vor allem daran, dass FREUDE das Ruder in Rileys Verstand fest im Griff hat: zusammen mit WUT, ANGST und EKEL kümmert sie sich im Kontrollzentrum um die Verwaltung der Gedanken der kleinen Riley. Nur was man mit der kleinen, blauen KUMMER anfangen soll, das weiß keiner so genau.

In „Alles steht Kopf“ gewährt das Team, das 2009 für „Oben“ verantwortlich zeichnete, Einblicke in die Gedanken seiner Charaktere in allerbester PIXAR-Manier: bunt, witzig und besonders liebevoll. Anders als zuvor, passiert dies hier allerdings wortwörtlich. Der Verstand ist ein riesiger Komplex mit einem weitläufigen Lager – dem Langzeitgedächtnis – in dem Erinnerungen in Form von Kugeln aufgehoben werden und einer Deponie, damit man sie auch entsorgen kann – also vergessen. Die Persönlichkeitsinseln repräsentieren, was der Person am wichtigsten ist und im Traumstudio werden live die Träume für die Nacht produziert, inklusive dem mittlerweile 7. Teil von „Das allerletzte Einhorn“. Wie eingangs bereits erwähnt, gibt es auch noch das Kontrollzentrum in dem sich die fünf Emotionen aufhalten und für verschiedene Situationen die richtige Reaktion suchen, woraus dann mehr oder weniger wichtige Erinnerungen werden können. Wenn etwa Gefahr droht, darf der schmächtige ANGST an das Kontrollpanel oder wenn die Brokkolivergiftung kurz bevor steht, die eitle EKEL.

Über das Artwork lässt sich nicht viel sagen, außer: stimmig. WUT ist beispielsweise rot, kantig und trägt eine Tweedhose, ein weißes Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln und einer Krawatte, wie ein Vorarbeiter in einer Paketfabrik. Er ließt gerne Zeitung mit den letzten Schlagzeilen aus Rileys Leben und fängt zu brennen an, wenn er böse wird.

Als Riley nun aus ihrem gewohnten Umfeld gerissen wird, weil der Vater einen neuen Job in San Francisco hat, wird aus unerfindlichen Gründen die lästige und gelangweilte KUMMER immer aktiver, was die dominante FREUDE gar nicht gerne sieht. Es kommt wie es kommen muss und die beiden landen unbeabsichtigter Weise im Langzeitgedächtnis und müssen einen Weg zurück in das Kontrollzentrum finden, wo nun nur noch die heillos überforderten WUT, ANGST und EKEL sind, die häufig nicht die idealste Lösung für ein Problem finden.

Und irgendwie macht das alles sehr viel Sinn. Man bekommt hier keine halbgare Idee vorgesetzt, die nur das Fundament für ein paar Gags liefert, sondern ein durchdachtes System, das den Lebenswandel eines Kindes metaphorisiert. Regisseur Pete Docter versteht es hier die Gefühlswelt eines Kindes zu visualisieren, das sich in einem neuen Umfeld zunächst akklimatisieren muss. Da gehört die Emanzipation von KUMMER genauso dazu, wie sich von alten Phantasien zu trennen. Glückliche Erinnerungen verwandeln sich in Heimweh und alte Bollwerke der Persönlichkeit müssen einstürzen um Platz für Neues zu machen. Es ist schön zu sehen, wie das Innere nach Außen gekehrt wird und den Konflikt verschiedener Emotionen mitzuerleben. Und irgendwie hat man am Ende das Gefühl, man würde ein wenig besser verstehen.

Maximilian Riemer

Maximilian Riemer ist Kino-Experte aus Leidenschaft. Ein guter Film gehört zweifelsohne zu den schönsten Dingen, die ihm über den Weg laufen könnten. In seinen Filmkritiken versucht er auch die technische Seite hinter den Filmen zu beleuchten und gibt dabei interessante Einblicke in das Handwerk.