Das Bourne Vermächtnis

Die Central Intelligence Agency, kurz CIA, ist einer der zahlreichen Auslandsnachrichtendienste der USA und gleichzeitig einer der wohl einflussreichsten Geheimdienste weltweit. Seit ihrer Gründung 1947 sorgt diese Behörde durch ihre Operationen jedoch immer wieder für Kontroversen. So waren Agenten der CIA unter anderem am Sturz des guatemalischen Präsidenten beteiligt, bespitzelten abertausende Gegner des Vietnamkrieges, oder unterhielten rund um den Globus illegale Gefängnisse, um dorthin mutmaßliche Terroristen zu verschleppen und sie zu foltern. In Zusammenarbeit mit diversen Pharmakonzernen, der Medizinforschung und anderen staatlichen Einrichtungen wie der DARPA (Defense Advanced Research Projects Agency), treibt die CIA außerdem die Forschung nach leistungssteigernden Medikamenten voran. Ziel dieser Forschung ist es, die physischen und kognitiven Fähigkeiten von Soldaten mittels Drogen zu verbessern.

Vor diesem Hintergrund spielt auch der mittlerweile vierte Teil der Bourne-Saga, „Das Bourne Vermächtnis“. Dessen Geschehnisse laufen in etwa zeitgleich zu dem Ende des bisher letzten Films, „Das Bourne-Ultimatum“ ab. Jason Bourne ist gerade dabei ein Regierungsprogramm namens Treadstone offenzulegen, in Zuge dessen aus CIA-Agenten auf brutalste Weise regelrechte Killer-Maschinen geformt wurden, nachdem man ihnen ihre Identität stahl. Doch Treadstone ist nur die Spitze des Eisbergs, zahllose andere Programme zur Erschaffung wirkungsvollerer Soldaten und Agenten laufen im Verborgenen ab. Aus Angst, diese könnten durch die Aktionen Bournes ebenfalls enttarnt werden, fürchtet die CIA um ihre Integrität. Deshalb wird Oberst Eric Byer (Edward Norton) mit der Aufgabe betreut, die noch laufenden Projekte vorerst auf Eis zu legen und die daran teilnehmenden Agenten zu eliminieren. Aaron Cross (Jeremy Renner) kann jedoch in letzter Sekunde entkommen. Allerdings ist er auf die Medikamente angewiesen, die ihm während seiner Ausbildung verabreicht wurden, eine Absetzung dieser Stoffe hätte tödliche Folgen. Ihm bleibt nur noch wenig Zeit neue Präparate zu besorgen und die CIA ist ihm dabei dicht auf den Fersen.

Nach dem Abgang von Hauptdarsteller Matt Damon und Stammregisseur Paul Greengrass ist „Das Bourne Vermächtnis“ also eine Art Neustart der Serie. Für den Regie-Part wurde mit „Michael Clayton“- Regisseur Tony Gilroy, Autor der bisherigen Bourne-Abenteuer, schnell ein adäquater Ersatz gefunden. Schließlich war es Gilroy der die Romanvorlagen von Robert Ludlum nahm und sie vor dem Hintergrund tatsächlicher Ereignisse in ein modernes Gewand kleidete. Auch dass Matt Damon von nun an nicht mehr seiner Paraderolle nachgehen wird ist ob seiner Darbietungen zwar bedauerlich, doch mit Jeremy Renner wurde ebenfalls ein würdiger Nachfolger gefunden, der eine unglaublich physische Performance abliefert.

Die kommt ihm vor allem in den zahlreichen Action-Sequenzen zu Gute. Die Bourne-Trilogie zeichnete sich immer durch ihre äußerst rasant geschnittenen Verfolgungsjagden und kernigen Kämpfe aus. Dabei war die Reihe stets so etwas wie das realistische Pendant zur „James Bond“-Serie. Hier gab es keine Gadgets, die Action war stets handgemacht, die Szenen wirkten lebensnaher. All das behält auch „Das Bourne Vermächtnis“ bei, wenngleich die Quantität dieser Einlagen ein wenig reduziert wurde. Dafür sind die vorhandenen Auseinandersetzungen aber umso wuchtiger und intensiver und die atemberaubende Verfolgungsjagd durch Manila gegen Ende des Films ist ein echtes Highlight.

Man könnte also meinen, der Reboot wäre auf ganzer Linie geglückt – nicht ganz. Zwar hat man durch diverse Ausschnitte aus „Das Bourne Vermächtnis“ und die Verflechtung der Handlungsstränge eine sehr gelungene und nachvollziehbare Brücke zu den bisherigen Filmen geschlagen. Indes fehlt im Vergleich zu den Vorgängern das Ungewisse, das Mysterium. Dort hat man Jason Bourne auf der Suche nach seiner Identität und den Hintergründen seiner Taten begleitet. Man wollte wissen, wer die Hintermänner dieser skrupellosen Hetzjagd sind. Diese ständige Neugier wurde jedoch mit der Auflösung in „Das Bourne Vermächtnis“ befriedigt, sie fehlt nun.

In diesem Punkt reicht „Das Bourne Vermächtnis“ also nicht in Gänze an seine Vorläufer heran. Allerdings wurde mit dem Charakter des Aaron Cross eine durchaus interessante Figur eingeführt, die ein paar erfrischende Facetten in das Bourne-Universum bringt. Und die Gewissheit, dass alle im Film erwähnten Prozeduren zur Erschaffung besserer Soldaten derzeit tatsächlich entwickelt oder bereits in der Praxis eingesetzt werden, mindert die Spannung keinesfalls – im Gegenteil.

Fabian Ohrner

Fabian Ohrner ist Vollblut-Cineast und schreibt bereits seit 2004 Filmkritiken. Der Münchner liebt Filme mit Tiefgang und die ganz große Filmkunst, die nicht immer nur in besonders künstlerischen Filmen liegen muss.