Der große Crash

Drei junge Männer stehen auf einem Hochhausdach in Manhattan. Alle drei tragen teure Anzüge, es ist mitten in der Nacht. Um sie herum herrscht nur noch wenig von dem hektischen Großstadtlärm der tagsüber die Wolkenkratzerschluchten erfüllt, die Straßen sind weitestgehend leer. Lediglich die hell erleuchteten Häuserfassaden und die schillernden Werbetafeln lassen darauf schließen, dass es sich hier um New York City handelt. Die Stadt, die niemals schläft, ruht sich aus. Einer der Männer blickt nach unten auf den verwaisten Asphalt und erwähnt beiläufig, dass es ein ganz schön langer Weg nach unten sei.

Es ist eine bezeichnende Szene, die sich etwa zur Hälfte von „Der große Crash – Margin Call“ abspielt. Denn die drei Männer auf dem Dach wissen, im Vergleich zu dem Abgrund den sie vor sich haben, befindet sich die gesamte Finanzwelt, und damit die Menschheit als solches, vor einem viel gigantischeren Graben, dessen Ausmaß noch nicht abzusehen ist. Und allein das Handeln dieser Männer, zusammen mit einigen wenigen anderen, ist dafür verantwortlich.

Wenige Stunden zuvor war für Peter Sullivan (Zachary Quinto), Seth Bregman (Penn Badgley) und Will Emerson (Paul Bettany) noch alles in bester Ordnung. Zwar hat ihr Arbeitgeber, eine renommierte Investmentfirma an der Wall Street, an diesem Tag etliche Mitarbeiter entlassen, doch Peter, Seth und Will gehören zu den wenigen glücklichen, die ihren Job behalten dürfen. Lediglich Eric Dale (Stanley Tucci), Top-Risk-Analyst und Boss von Peter und Seth, hat es erwischt. Dieser hatte zuvor an einer brisanten Studie über die Situation des Unternehmens gearbeitet, konnte diese aufgrund seiner Kündigung jedoch nicht vollenden. Deshalb gibt er die Daten nun Peter, damit dieser sich darum kümmert. Als der sich der Sache weit nach Feierabend annimmt und ein wenig mit den Zahlen jongliert, bleibt ihm vor Schreck beinahe das Herz stehen. Zusammen mit Seth und Will beschließt er, die Zahlen ihrem Vorgesetzten Sam Rogers (Kevin Spacey) zu zeigen.

Als dieser die Brisanz der Situation erkennt und merkt, dass schon bald der Ruin der gesamten Firma bevorsteht, ruft er sofort die Konzernleitung um Jared Cohen (Simon Baker), Sarah Robertson (Demi Moore) und John Tuld (Jeremy Irons) zusammen. Doch um das Unternehmen noch zu retten gibt es nur eine Lösung und die hat fatale Folgen für den gesamten Finanzmarkt.

Genau das ist es was „Der große Crash – Margin Call“ auch so spannend macht, ja beinahe schon unerträglich anzusehen. Denn jeder kennt die Folgen dieser Handlung, jeder kann sich noch zu gut an die weltweite Finanzkrise vor fast drei Jahren erinnern. Man sitzt also da und sieht diesen Menschen zu, wie sie trotz besseren Wissens und allein aus Profitgier die Welt sehenden Auges in eine Katastrophe manövrieren.
Es ist extrem fesselnd zu beobachten, wie dabei die Begriffe Moral und Ethik immer weiter gebogen und neu definiert werden und jeder einzelne allein sich selbst und seinen eigenen Vorteil im Sinn hat. Dieser Sog aus Panik, Gier und Habsucht ist es, der diese Menschen antreibt und dem Zuschauer ein ungefähres Bild davon zeichnet, wie es damals überhaupt so weit kommen konnte.
Und diese ausgesprochen intensive Charakterstudie, inszeniert in bester Kammerspiel-Manier, ist das Prachtstück von „Der große Crash – Margin Call“. Dies liegt zum einen daran, dass es Regie-Neuling J.C. Candor gelingt, diese Szenerie äußerst authentisch und realitätsnah darzustellen. Das kommt nicht von ungefähr, denn Chandors Vater, der bei diesem Film als Berater fungierte, kommt aus eben jener Branche. Zwar gibt es hie und da einige kleine Lücken im Drehbuch, doch diese vermögen es nicht, das eindringliche Gesamtbild zu stören.

Zum anderen hat es Chandor geschafft, ein großartiges Ensemble an Schauspielern zu engagieren. Allen voran Kevin Spacey, der eine bemerkenswerte Performance als egozentrischer Chef, dem sein Hund wichtiger zu sein scheint als seine Mitarbeiter, abliefert. Allerdings ist es der Charakter von Kevin Spacey, Sam Rogers, der gegen Ende noch so etwas wie Moral und Anstand empfindet und daraus ergeben sich wundervoll packende Dialoge mit dem, von Jeremy Irons herrlich verkörperten, skrupellosen Konzernchef.

Als Sam Rogers dann letztendlich so handelt wie es der Vorstand von ihm verlangt, tut er dies aber primär nicht aus selbstsüchtigen Gründen, sondern um seine Angestellten zu retten, was moralisch nicht ganz so verwerflich ist. Der Abgrund, er wird dadurch aber nur noch größer.

Fabian Ohrner

Fabian Ohrner ist Vollblut-Cineast und schreibt bereits seit 2004 Filmkritiken. Der Münchner liebt Filme mit Tiefgang und die ganz große Filmkunst, die nicht immer nur in besonders künstlerischen Filmen liegen muss.