Django Unchained

Er hat es geschafft! Endlich ist er am Ziel seiner Träume angekommen und eigentlich könnte er nun sogar aufhören, sich zur Ruhe setzen. Doch der Reihe nach. Die Rede ist von keinem Geringeren als Quentin Tarantino, Genie, Visionär, Missverstandener, so etwas wie das Enfant terrible Hollywoods. Er hält sich nicht an die Gesetzmäßigkeiten und Gepflogenheiten der Filmindustrie, er macht Filme ganz nach seinen eigenen Vorstellungen, frei nach seinem Gusto. 20 Jahre ist dieser Tarantino, ehemaliger Angestellter in einer Videothek, nun schon im Geschäft als Produzent, Schauspieler und vor allem Drehbuchautor und Regisseur. Sieben Werke sind dabei bisher unter seiner Direktion entstanden und ihnen allen merkt man immer wieder Tarantinos ungeheures Faible für das Western Genre an. Da wäre der finale Mexican standoff in „Reservoir Dogs“, die Sergio Leone typische Eröffnungsszene in „Inglourious Basterds“ oder die Verwendung von, eigens für Spaghetti-Western komponierten Musikstücken in „Kill Bill Vol.1“. Und nach all diesen und noch vielen weiteren Huldigungen, hat er es nun endlich vollbracht: er hat seinen eigenen Western gedreht.

„Django Unchained“ heißt der und wer Tarantino kennt, ahnt, dass dies kein typischer 08/15 Streifen mit Cowboys und Bösewichtern ist. Vielmehr ist „Django Unchained“ eine, mit augenzwinkernden Details gespickte Verbeugung vor den Leones, den Corbuccis, den Parolinis, den Eastwoods, den Van Cleefs und den vielen anderen Helden dieser Ära. „I didn’t go to film school… I went to films“ sagte Quentin Tarantino einmal und dieses Zitat verdeutlicht, welch leidenschaftlicher Filmliebhaber er ist und für wen er Filme dreht: für Leute wie ihn selbst, echte Fans. Allerdings lässt er es sich dabei nicht nehmen, all seinen Werken auch einen eigenen, persönlichen Stempel aufzudrücken.

So ist etwa sein Django, gespielt von Jamie Foxx, kein hartnäckiger Revolverheld wie 1966 Franco Nero in der quasi Vorlage „Django“. Der Hauptcharakter in Tarantinos Western ist ein Sklave. Angesiedelt in den Südstaaten der USA, etwa zwei Jahre vor Beginn des amerikanischen Bürgerkrieges, wird Django von dem deutschstämmigen Einwanderer Dr. King Schultz (Christoph Waltz) und dessen Pferd Fritz befreit. Dr. Schultz ist Kopfgeldjäger und benötigt Django, um drei, ihm selbst unbekannte, Männer zu identifizieren, auf deren Kopf eine Belohnung ausgesetzt ist. Django kennt diese Männer nur zu gut, denn sie sind Sklavenaufseher auf einer Plantage – und äußerst sadistische noch dazu.

Das ist es auch, was diesen Film stellenweise so ungeheuer ernst und bedrückend macht: der menschenverachtende Umgang mit den Sklaven. Denn mit welcher Gleichgültigkeit und aus was für einem perfiden Selbstverständnis heraus hier anderen Menschen unvorstellbares Leid angetan wird, hat eine derart erschütternde Wucht, dass einem beinahe übel wird. Durch die teilweise drastischen Bilder, verbunden mit der markerschütternden Geräuschkulisse, entsteht ein erschreckend grausames Bild von einem der wahrhaft düstersten Kapitel der amerikanischen Geschichte. Die ganze Abscheu und all das Entsetzten, das den Zuschauer in diesen Szenen überkommt, wird durch eine Person jedoch noch gesteigert: Leonardo DiCaprios Charakter Calvin Candie.

Candie ist Großgrundbesitzer und ein Widerling und Sadist sondergleichen. Dummerweise ist ausgerechnet er der Besitzer von Djangos Frau (Kerry Washington). Sie und Django wurden nach einem Fluchtversuch von ihren damaligen Eigentümern gebrandmarkt und anschließend getrennt voneinander verkauft. Nun, nach erledigter Kopfgeldjäger-Arbeit, machen sich Django und Dr. Schulz auf, sie zu retten.

Calvin Candie ist auch gleichzeitig ein hervorragendes Beispiel für die exzellente Charakterzeichnung Tarantinos. Candie wirkt auf den ersten Blick extrem charmant und äußerst gut situiert, doch sein Verhalten steht dazu in einem krassen Gegensatz. Dieses etwas Schizophrene lässt ihn ungemein diabolisch und abstoßend wirken. Der Eindruck wird durch Leonardo DiCaprios herausragende Performance zusätzlich noch verstärkt. Und genau wie DiCaprio brilliert auch Christoph Waltz wieder in einer wie für ihn maßgeschneiderten Rolle.

Hinzukommt, dass Quentin Tarantino für die richtigen Schauspieler nicht nur die exakt passenden Rollen erdenkt, sondern ihnen zusätzlich noch sinnvolle bis grandiose Dialoge in den Mund legt. Die besondere Art der Gespräche, meistens hervorgerufen durch die Genialität des Banalen, war schon immer ein besonderes Markenzeichen seiner Filme, so auch hier. Gepaart mit einer gewohnt einzigartigen (niemand außer Tarantino könnte Rap-Musik stimmig in einem Western einsetzen) wie großartigen Musikauswahl, stellt sich schnell diese beschwingte Lässigkeit ein, welche die meisten Tarantino-Streifen umgibt. Die ist – ebenso wie der aus kathartischen Gründen bewusst überzeichnete Gewaltexzess gegen Ende – in „Django Unchained“ tatsächlich besonders wichtig, denn schließlich bildet sie den notwendigen Gegenpol zu den bereits erwähnten, rücksichtslos eindringlichen Szenen.

Quentin Tarantino hat also das Kunststück fertiggebracht, einen waschechten und knallharten Western zu drehen, der darüber hinaus dieses unverwechselbare Flair versprüht, welches seine Filme so besonders macht. Hoffentlich denkt er aber trotzdem noch lange nicht ans Aufhören.

Fabian Ohrner

Fabian Ohrner ist Vollblut-Cineast und schreibt bereits seit 2004 Filmkritiken. Der Münchner liebt Filme mit Tiefgang und die ganz große Filmkunst, die nicht immer nur in besonders künstlerischen Filmen liegen muss.