Drive

„Soll ich euch mal was zeigen?“, fragt der blonde Mann seine Beifahrerin. Etwas verunsichert blickt diese sich zu ihrem Kind auf der Rückbank um, ehe sie einwilligt. Der Mann fährt mit den beiden in einen dieser ausgetrockneten Kanäle, von denen es in und um Los Angeles so viele gibt. Die Reise endet an einem kleinen Bach, abgelegen, idyllisch. Dort verweilen die drei, der Junge wirft ein paar Steine ins Wasser und spielt mit seiner Mutter, während der Namenlose immer wieder zu ihnen hinüber blickt. Die junge Frau erwidert seine Blicke, beide lächeln etwas schüchtern, aber gleichzeitig verträumt. Als sie den Heimweg antreten, geht gerade die Sonne unter.
Während der gesamten Zeit läuft mit „A Real Hero“ ein Lied, das als Hommage an die 80er Jahre verstanden werden kann, viel Synthesizer und sehr minimalistisch im Arrangement. Aber abgesehen davon, dass dieser Song perfekt mit den gezeigten Bildern harmoniert und beim Zuschauer ein ungeheuer wohliges Gefühl hervorruft, ist es vor allem der Text der wie die Faust aufs sprichwörtliche Auge passt. „A real human being, and a real hero“ heißt es dort im Refrain, „ein echter Mensch und zugleich ein richtiger Held“ und eben das fasst den neuen Film des Dänen Nicolas Winding Refn hervorragend zusammen.

Hollywoods neuer Shooting-Star Ryan Gosling, der zuletzt in Filmen wie „Blue Valentine“ oder „The Ides of March – Tage des Verrats“ glänzte, brilliert hier als anonymer Hauptdarsteller. Er spielt den Driver, der tagsüber entweder in der Autowerkstadt seines Mentors Shannon (Bryan Cranston) oder als Stunt-Fahrer für diverse Filme arbeitet. Nachts stellt er sein Talent gegen Bezahlung Kriminellen zur Verfügung und fungiert als Fluchtwagenfahrer. Allerdings ist er kein typischer Draufgänger, im Gegenteil. Ryan Gosling schafft es durch seine phänomenale Performance einen wunderbaren Antihelden zu zeichnen. Er ist extrem wortkarg, wenn er sich äußert dann meist einsilbig, stets mit einem sanften Lächeln auf den Lippen und herrlich unaufgeregt, neudeutsch schlichtweg cool.

So auch als er seine Nachbarin Irene, gespielt von Carey Mulligan, näher kennenlernt. Sie lebt alleine mit ihrem Sohn, ihr Mann ist im Gefängnis. Es ist wunderbar mitanzusehen, wie sich die beiden langsam näherkommen. Dabei passiert das alles auf einer sehr unschuldigen, beinahe schon biederen Ebene. Es gibt kein wildes Geknutsche, keine hemmungslosen Liebesnächte. Sie verbringen einfach nur viel Zeit zusammen, haben Spaß und verlieben sich ineinander. Bei der mitunter schon aufdringlichen Sexualität, die einem heutzutage überall ins Auge springt, bietet „Drive“ eine willkommene Abwechslung, es ist einfach nur schön die beiden zu beobachten, so rein, so warm.
Dies ändert sich jedoch schlagartig, als Irenes Mann aus der Haft entlassen wird. Der hat sich im Gefängnis ein paar mächtige Feinde gemacht und wird nun von ebenjenen zu einem überfall gezwungen, um seine Schulden zu begleichen. Weigert er sich, werden die Gangster seine Frau und seinen Sohn ins Visier nehmen. Verzweifelt bittet er den Driver um Hilfe, dieser willigt ein, doch der Raub geht schrecklich schief. Nun wechselt „Drive“ die Gangart und Regisseur Nicolas Winding Refn, bekannt durch äußert brutale Filme wie die „Pusher“-Trilogie oder „Valhalla Rising“, zeigt sein ganzes Talent bei der Darstellung extrem gewalttätiger Szenen. Die sanften, ruhigen Momente weichen nun sehr harten und erbarmungslosen Bildern. Dies ist aber kein unvereinbarer Gegensatz, den Refn schafft es, mit nahezu spielerischer Leichtigkeit eine perfekte Symbiose zwischen diesen beiden Stilarten zu kreieren. Wo man zuvor noch lange, stille Einstellungen bestaunen konnte, werden einem nun rasante, schonungslose Aufnahmen präsentiert. Durch den grandiosen Soundtrack verschmilzt alles zu einem homogen Film.
Die Härte ist allerdings auch notwendig, verdeutlicht sie doch, dass dem Driver kein anderer Ausweg bleibt um Irene und ihren Sohn zu retten. Eigentlich durch Zufall und nur aus Hilfsbereitschaft in diese Situation gedrängt, sieht er keine andere Möglichkeit als die scheinbar übermächtigen Gangster, angeführt von einem herrlich griesgrämigen und stetig fluchenden Ron Perlman, mit gleichsam unbarmherziger Art und Weise zu bekämpfen, ohne Rücksicht auf sich selbst.
So wird aus dem stillen Menschen am Ende doch noch ein richtiger Held und „Drive“ zu einem der besten Filme der letzten Jahre, dem man bereits jetzt Kultstatus attestieren kann.

Fabian Ohrner

Fabian Ohrner ist Vollblut-Cineast und schreibt bereits seit 2004 Filmkritiken. Der Münchner liebt Filme mit Tiefgang und die ganz große Filmkunst, die nicht immer nur in besonders künstlerischen Filmen liegen muss.