Eine dunkle Begierde

Der kanadische Regisseur David Cronenberg gilt gemeinhin nicht unbedingt als zimperlich, zumindest seinen Filmen nach zu urteilen. Ob nun sein Kultklassiker „Die Fliege“ aus dem Jahr 1986, seine Adaption des William S. Burroughs Romans „Naked Lunch“ oder seine beiden letzten Werke, „A History of Violence“ und „Tödliche Versprechen“, sie alle enthalten mitunter recht derbe Szenen und geizen auch nicht mit Gewaltdarstellungen.

In seinem neuesten Streifen „Eine dunkle Begierde“ verzichtet der Altmeister jedoch auf diese Form der Gewalt, was aber nicht heißen soll, dass es dadurch besonders heiter zuginge, im Gegenteil. Denn mit diesem Film wagt sich Cronenberg hinab in die Abgründe des menschlichen Verstands. Was treibt unser Handeln an? Wodurch wird unsere Psyche beeinflusst? Welchen Einfluss hat unser Unterbewusstsein auf uns?

Eben diesen Fragen stellt sich der Psychiater Carl Jung (Michael Fassbender) in Zürich zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Dort arbeitet er in einer psychiatrischen Klinik und versucht mit neuartigen Methoden und Arbeitsweisen dem Kern der Erkrankung seiner Patienten auf den Grund zu kommen. Ihn interessieren vor allem die Ursachen und die tieferliegenden Beweggründe für die Ausbrüche psychischer Krankheiten. Eines Tages wird eine junge russische Patientin namens Sabina Spielrein (Keira Knightley) in die Klinik eingeliefert. Sie ist extrem hysterisch und zudem gewalttätig. Jung nimmt sich ihrer Behandlung an und versucht mithilfe einer experimentellen Methode das Motiv für ihr Verhalten herauszufinden. Das Ergebnis überrascht ihn, deckt sich allerdings mit den Ansichten und Theorien des österreichischen Psychologen Sigmund Freud (Viggo Mortensen). Gemeinsam beschließen beide ihre Forschungen zu vertiefen, ohne jedoch zu ahnen worauf sie sich dabei einlassen.

Auf den ersten Blick scheint also Viggo Mortensen, Hauptdarsteller in „A History of Violence“ und „Tödliche Versprechen“, die einzige Verbindung zu Cronenbergs früheren Werken zu sein. „Eine dunkle Begierde“ wirkt oberflächlich wie ein toll inszenierter Historienfilm mit akkurater Garderobe und opulenten Schauplätzen. Doch bei genauerer Betrachtungsweise merkt man dem Film die Handschrift seines Regisseurs deutlich an. Denn er ist eine Metapher auf all seine Figuren, so schön und glanzvoll alles nach außen auch wirkt, so düster und unheilvoll sieht es im Inneren aus. „Eine dunkle Begierde“ ist eben keine oberflächliche Dokumentation über die Geburtsstunde der Psychoanalyse, sondern ein anschauliches und äußerst eindringliches Porträt über die Niederungen der ureigenen menschlichen Emotionen und Triebe.

Im Zentrum dabei steht ganz klar die Dreiecksbeziehung zwischen Jung, Spielrein und Freud. Was völlig harmlos begann, verdichtet sich immer mehr zu einem Strudel aus Intrigen, Eitelkeit, Scham, Begierde und vor allem Schmerz. Die herausragenden schauspielerischen Leistungen der drei Darsteller verleihen dem Ganzen dann auch seine ungeheure Intensität. All diese inneren Konflikte und moralischen Entscheidungen, die die Charaktere durchleben, spiegeln sich wunderbar in den Dialogen und dem Verhalten wieder.
Gepaart mit einem äußerst authentischem und realistischen Drehbuch gelingt David Cronenberg also ein extrem nachhaltiges Werk. Wenn er auch neue Wege geht, verändert hat er sich indes nicht.

Fabian Ohrner

Fabian Ohrner ist Vollblut-Cineast und schreibt bereits seit 2004 Filmkritiken. Der Münchner liebt Filme mit Tiefgang und die ganz große Filmkunst, die nicht immer nur in besonders künstlerischen Filmen liegen muss.