In Time

Zeit ist schon ein seltsames Gut. Seit Albert Einstein wissen wir, dass sie rasend schnell oder auch quälend langsam vergehen kann, je nach Empfinden. Meistens jedoch verfliegt sie geradezu, niemand hat heutzutage noch genug Zeit, man hetzt nur noch von einem Termin zum nächsten und trotz all der Hektik hat man stets das Gefühl etwas zu verpassen. Zeit ist also primär ein sehr kostbares Gut, wirklich viel davon zu haben ist wahrer Luxus. Genau diesen Gedanken greift „In Time – Deine Zeit läuft ab“ auf und spinnt ihn sogar noch weiter.
In der Zukunft ist Zeit nämlich so kostbar, dass sie die alleinige Währung darstellt. Denn die Menschheit hört mit 25 Jahren auf zu altern, danach lebt man noch genau ein Jahr. Zu diesem Zweck hat jeder auf seinem Unterarm eine Uhr in leuchtend grünen Ziffern die mit Beginn des 25. Lebensjahres zu ticken beginnt, läuft diese ab stirbt man. Für geleistete Arbeit bekommt man Stunden oder auch Tage gutgeschrieben, muss man Rechnungen oder Lebensmittel bezahlen wird die entsprechende Zeit wieder abgezogen. Für den armen Teil der Bevölkerung bedeutet dies ein ständiges Leben mit dem Tod.

Niemand hat mehr als einen Tag auf seiner Uhr, jeder zu spät gezahlte Gehaltsscheck könnte das Ende bedeuten. So ergeht es auch Will Salas (Justin Timerberlake), er lebt mit seiner Mutter (Olivia Wilde) in einem kleinen Apartment im Armenviertel. Täglich schuften beide nur um am Leben zu bleiben. Doch eines Tages begegnet Will einem Fremden der ihm unverhofft 100 Jahre schenkt. Dies bedeutet aber den Tod des Mannes und Will wird fortan verdächtig, selbigen auf dem Gewissen zu haben. Also flüchtet er vor den sogenannten Timekeepern und deren Anführer Raymond Leon (Cillian Murphy). Auf seiner Flucht versucht Will seine Unschuld zu beweisen und das gnadenlose System endgültig zu Fall zu bringen.

Das Grundgerüst von „In Time – Deine Zeit läuft ab“ klingt also durchaus spannend und die Idee mit der Lebenszeit auf Raten, die dem Ganzen zu Grunde liegt, ist ebenfalls höchst brisant. Der Film scheitert jedoch kläglich daran diesen Gedanken konsequent zu Ende zu denken, geschweige denn ausreichend tief in die Materie einzutauchen. Es fehlt schon allein an einer Erklärung wie es dazu kommen konnte, dass Zeit die einzige Währung ist oder warum jeder Mensch mit dieser grünen Countdown-Anzeige geboren wird.
Ein lapidares „ich erinnere mich nicht mehr wie alles begann“ im Epilog muss dem Zuschauer als Erklärung reichen. Dieser Umstand wäre aber durchaus zu vernachlässigen gewesen, würde „In Time – Deine Zeit läuft ab“ nicht wie angesprochen jegliche Art von Tiefgang oder Substanz vermissen lassen. Der höchst interessante Ansatz, dass Menschen theoretisch unsterblich sind, wird nur oberflächlich behandelt, die Konsequenzen dieser Tatsache werden nur am Rande aufgezeigt.
All das dient lediglich als leider viel zu unausgereifte Kulisse für einen 08/15 Actionfilm. Die zumeist unterdurchschnittlichen und äußert banalen Dialoge, allen voran die extrem einfallslosen und teilweise arg stupiden Wortspiele zum Thema Zeit, tragen ihr übriges zu dem mäßigen Gesamteindruck bei. Auch die ständig vorherrschende Ungerechtigkeit in Form einer Zweiklassengesellschaft, in der die Armen ständig den Tod fürchten müssen, die Reichen jedoch vor lauter Langeweile ihre Zeit im Casino verspielen, hätte als exaktes Abziehbild unserer heutigen Gesellschaft enorm viel Potential zu intelligenter, tiefsinniger Kritik gehabt. Allerdings ist der Film dabei so unausstehlich aufdringlich und kehrt an jeder nur möglichen Stelle den Moralapostel heraus. Diese penetrante Art wirkt extrem aufgesetzt und verfehlt vollständig ihre Wirkung.
Deshalb verkommt die moderne Mischung aus Robin Hood und Bonnie & Clyde lediglich zu einem durchschnittlichen Genre-Mix aus Action und Thriller, ohne dabei jedoch wirklich tiefgründig oder gar nachhaltig zu sein. Dies ist umso bedauerlicher, da mit diesem Thema so viel mehr möglich gewesen wäre. Und so bekommt eine Textzeile aus dem Lied einer fantastischen Band eine ganz neue Bedeutung, darin heißt es: „I’ll forget everything in time“. Dies dürfte bei diesem Film wahrlich nicht lange dauern.

Fabian Ohrner

Fabian Ohrner ist Vollblut-Cineast und schreibt bereits seit 2004 Filmkritiken. Der Münchner liebt Filme mit Tiefgang und die ganz große Filmkunst, die nicht immer nur in besonders künstlerischen Filmen liegen muss.