Interstellar

„Das kommerzielle Kino beschäftigt sich mit Leben und Tod und in letzter Zeit immer häufiger mit dem Nachleben, Überleben und parallelem Leben. Es geht um ein Leben, das weder historisch verankert noch vollkommen menschlich ist. Es ist weder in der Natur noch in der Technologie zu Hause.“ (Thomas Elsaesser, 2005, taz.de)

„Post-Mortem“ nennt Thomas Elsaesser das Kino, dass sich nach dem postmodernen der 80er und 90er Jahre ausprägt. Und einer der Vorzeigefilme dieses Kinos? MEMENTO (2000) von Regisseur und Drehbuchautor Christopher Nolan. Nur eines der Werke in denen sich Nolan der Dekonstruktion von Zeit und dem Aufbrechen linearer Erzählstrukturen widmet – andere prominente Beispiele wären THE PRESTIGE (2006) und INCEPTION (2010) – immer gefangen zwischen Technologie und Fantasie. Nolans Filme sind durchzogen von Charakteren mit Träumen und der Zeit, die sich auf dem Weg ihrer Erfüllung in den Weg stellt (und natürlich von epischen Monatgesequenzen, hinterlegt mit der Musik Hans Zimmers).

Nun, auch INTERSTELLAR reiht sich in diese Tradition ein: Die Welt neigt sich dem Ende zu und nur einer, der von den Sternen träumt – der abermals exzellente Matthew McConaughey – kann ein neues Habitat für die Menschheit finden; ein Wettlauf gegen die relative, asynchrone (nolansque… haha!) Zeit. Eine recht einfache Prämisse, doch verpackt in eine so wunderschöne Exposition: so viel Aufwand wird in ein nachvollziehbares Endzeitszenario gesteckt, das so viel Atmosphäre aus den kleinen Dingen des Alltags zieht und nicht nur von irgendeinem Wissenschaftler erklärt wird, der auf eine Anomalie stieß – nicht NUR, denn INTERSTELLAR ist zu großen Stücken schon ein klassisches Science-Fiction-Genrestück: die Ausgangssituation hat einen wissenschaftlichen Grund und es gibt auch einen Wissenschaftler mit einem wissenschaftlichen Lösungsansatz; wunderbare, musikunterlegte Sequenzen von Raumschiffen, die durch die ewigen Weiten treiben à la 2001: A Space Odyssey (1968) (natürlich muss dieser Vergleich sein); Roboter, deren Charackter durch eine Humoreinstellung in Prozent definiert wird; Bildschirme, Knöpfe, Raumanzüge, Schleusen; die großen Fragen des Lebens und der Liebe und der unvorstellbaren Unendlichkeit – sie wissen schon.

Aber dann ist da noch dieses Gefühl. Vielleicht, weil die Bilder der Zukunft von Hoyte Van Hoytema wie aus der Vergangenheit anmuten und vielleicht auch, weil der Film in einer Geschwindigkeit voranschreitet, die sich heute niemand mehr zu benutzen traut: gekonnt langsam. Der Film hätte vor zwanzig Jahren gemacht werden müssen und doch ist er erfrischend wie selten in der heutigen Kinolandschaft.

Vielleicht auch, weil es eben das „Post-Mortem“-Kino ist: ein Stück philosphischer Zeitgeist. Der Aufbruch ins All ist eine Reise ins Ungewisse, vermutlich in den Tod. Das zeichnet die Charaktere des Films aus: sie entscheiden sich für die Hoffnung und für die Liebe, nicht für das Leben. Die Kommunikation der Forschungsreisenden mit der Erde wird mittels Videonachrichten vollzogen, die so lange brauchen um anzukommen, dass sie kein Lebenszeichen repräsentieren müssen. Sie sind lediglich eine Erinnerung an einen Überlebenskampf, der die bedingungslose Aufopferung verlangt. Egoismus ist der unsichtbare Feind, der das Scheitern bedeuten kann. Die Figuren in Interstellar erinnern an die untoten Protagonisten des Film Noir: irgendwie verdammt.

Ein Merkmal der „Post-Mortem“-Situation ist für Elsaesser die Frage, „[w]as passiert, wenn man seinen eigenen – symbolischen – Tod überlebt?“ (Hollywood Heute, 2009) Diese Frage lässt sich nicht beantworten. Aber sie kann gestellt werden. Ist sie interessant? Schon. Ist sie die Quadratur des Kreises? Vermutlich auch. Soll sich der Kreis hier schließen? Ja.

Maximilian Riemer

Maximilian Riemer ist Kino-Experte aus Leidenschaft. Ein guter Film gehört zweifelsohne zu den schönsten Dingen, die ihm über den Weg laufen könnten. In seinen Filmkritiken versucht er auch die technische Seite hinter den Filmen zu beleuchten und gibt dabei interessante Einblicke in das Handwerk.