Shame

Es gibt sie zu Genüge, diese speziellen Beziehungen zwischen einem Regisseur und einem Schauspieler die zusammen diverse Filme drehen und sich dabei gegenseitig zu Höchstleistungen antreiben. Ähnlich wie ein Künstler und seine Muse. Tim Burton und Johnny Depp, Martin Scorsese erst mit Robert De Niro, dann mit Leonardo DiCaprio, oder Clint Estwood mit, nun ja, Clint Eastwood. Und es scheint beinahe so als würde sich ein weiteres kongeniales Paar zu dieser illustren Riege gesellen: Steve McQueen und Michael Fassbender.

Der britische Regisseur Steve McQueen, nicht zu verwechseln mit dem 1980 verstorbenen Schauspieler gleichen Namens, liefert mit „Shame“ zwar erst seinen zweiten Spielfilm ab, doch wie in seinem Erstlingswerk „Hunger“ übernimmt Michael Fassbender erneut die Titelrolle. Und wie schon bei „Hunger“ resultiert aus dieser Zusammenarbeit ein herausragender Film. Doch dieses Mal geht es nicht um einen Gefängnisinsassen der versucht das System zu brechen, vielmehr geht es um einen Mensch der sich selbst zerstört, ohne es wirklich zu realisieren. Es geht um Brandon, grandios: Michael Fassbender, er lebt in New York, hat einen guten Job, ein großes Apartment und auch sonst alles worauf es ankommt. Doch eigentlich ist Brandons Leben leer und einsam. Dies spiegelt sich vor allem in seiner Wohnung wider, sie ist weiß, beinahe schon klinisch steril, nichts Überflüssiges gibt es dort, nichts Persönliches. Die Leere versucht Brandon mit Sex zu füllen, er ist süchtig danach. Er masturbiert, am Arbeitsplatz, in öffentlichen Toiletten, wenn er abends nach Hause kommt vertreibt er sich die Zeit mit Pornographie und Live-Stripshows im Internet. In Bars sucht er Frauen für kurze, bedeutungslose One-Night-Stands, oder er bestellt sich Prostituierte. Nichts davon ist intim, nichts davon kann ihn wirklich befriedigen. Doch Brandon wird mit der Zeit immer unvorsichtiger bei der Auslebung seiner Sucht und so beginnt seine äußerliche Fassade der Normalität zu bröckeln, seine Maske der Zurechnungsfähigkeit ist dabei abzugleiten. Dies hängt auch damit zusammen, dass seine Schwester Sissy (Carey Mulligan) für kurze Zeit bei ihm unterkommen will. Damit kommt er jedoch überhaupt nicht klar, er ist ein Einzelgänger, unfähig eine emotionale Beziehung aufzubauen, nicht einmal zu seiner eigenen Schwester.

„Shame“ gelingt es, dieses Gefühl der inneren Einsamkeit und Melancholie auf ergreifende und äußerst eindringliche Art und Weise zu verdeutlichen. Diese ständigen Wechsel zwischen trivialem Sex und zwanghafter Selbstbefriedigung, unterbrochen von langen, sehr stillen Einstellungen von Brandon, wie er alleine in seinem Apartment sitzt, schaffen einen sehr schwermütigen Grundton. Vor allem, wenn er nachts zu klassischer Musik durch New York joggt, die Metropole die seinem Wesen so unfassbar ähnelt, nach außen hin glitzernd und pulsierend, innerlich kalt und distanziert, wird dieses Gefühl umso mehr verstärkt. Die Stadt ist ohnehin ein wichtiges Element in „Shame“. Die beeindruckendste Stelle des Films hat nichts mit den, zweifelsohne enorm stilvoll choreographierten und äußerst expliziten Sex-Szenen zu tun, im Gegenteil. Sie zeigt Brandons Schwester Sissy wie sie in einer kleinen Bar in Manhattan Sinatras Welthit „New York, New York“ zum Besten gibt. Dabei ist ihre Interpretation des Liedes so gefühlvoll, so getragen, dass es scheint als würde die Zeit für einen Moment verweilen. Steve McQueen schafft es in verblüffender Weise, eben genau diesen Moment so derart eindringlich und intim zu gestalten. Und genau dieses Paradoxon fasst „Shame“ auch perfekt zusammen, es geht zwar um einen gefühllosen und kalten Charakter, aber gleichzeitig hat man selten einen gefühlvolleren und intensiveren Film gesehen. Steve McQueen hat übrigens die Arbeiten an seinem nächsten Film begonnen, in der Hauptrolle – Michael Fassbender.

Fabian Ohrner

Fabian Ohrner ist Vollblut-Cineast und schreibt bereits seit 2004 Filmkritiken. Der Münchner liebt Filme mit Tiefgang und die ganz große Filmkunst, die nicht immer nur in besonders künstlerischen Filmen liegen muss.