Steven Anderson über „Triff die Robinsons“

Wie schaffen Sie es als Regisseur eines animierten Films, dass die Figuren das machen was Sie möchten?

Es beginnt wie bei einem normalen Film mit dem Drehbuch und dann nimmt man zuerst die Stimmen auf und das ähnelt sehr stark dem Inszenieren eines nicht animierten Films. Allerdings tragen die Sprecher natürlich keine Kostüme und nutzen auch keine Requisiten. Sie nutzen nur ihre Phantasie und ihre Stimme um den Charakter zu kreieren. Man sitzt dann zusammen mit den Sprechern und „konstruiert“ die einzelnen Figuren. Das Ergebnis geht an die Trickzeichner, die in gewisser Weise fantastische Schauspieler sind – auch wenn sie nicht mit ihren Körpern spielen, sondern mit Papier, Maus und Stift arbeiten. Als Regisseur muss man den Zeichnern ähnliche Anweisungen wie echten Schauspielern geben. Man muss herausfinden wie die einzelnen Szenen zusammenpassen und wie die Charaktere miteinander harmonieren. Man muss den Figuren Leben einhauchen und ihnen die Fähigkeit geben Gefühle zu empfinden. Da ist es auch wichtig keine Grenzen zu setzen. Die Zeichner haben so viele großartige Ideen und möchten diese in jeder einzelnen Szene verwirklichen. Das Ergebnis würde viel schlechter werden, wenn man sie diese Ideen nicht frei ausarbeiten lassen würde. So hat man als Regisseur immer mit zwei Arten von Schauspielern zu tun. Das sind auf der einen Seite die Sprecher und auf der anderen die Trickzeichner. Das ist dann im Endeffekt fast das wie bei einem Film der mit realen Schauspielern und Kulissen arbeitet.

Muss man da nicht auch sehr viel Geduld mitbringen?

Ja, da benötigt man sehr viel Geduld. Bei einem realen Schauspieler sieht man sofort wie sich eine Änderung auswirkt. Bei einem animierten Film muss man sehr viel länger warten, bis man das Ergebnis zu sehen bekommt. Man hat eine Idee, gibt sie weiter und nach einer Woche oder auch ein paar Monaten bekommt man dann das Ergebnis geliefert. Aber man hat dabei sehr viel Spaß, da man sich immer darauf freut endlich das Ergebnis sehen zu dürfen. Wie werden die Trickzeichner das umsetzen? Wie wird es aussehen? Das ist sehr interessant und aufregend.

Wann haben Sie begonnen von den Figuren zu träumen?

Das hat glaube ich begonnen, als die Sprecher gecastet waren und man dann auch den Bezug dazu hatte, wie sich die Charaktere anhören werden. Zuvor hat man zwar schon eine Idee, aber man kann es sich noch nicht komplett vorstellen. Erst wenn man sie hören kann entwickelt man eine Beziehung zu den Figuren. Somit ist es gut wenn man anfängt von ihnen zu träumen denn dann ist der Zeitpunkt erreicht an dem man mit ihnen kommunizieren kann.

Ist es dann schwieriger einen Animationsfilm zu drehen oder einen „normalen“ Film?

Ich habe noch nie einen „normalen“ Film gedreht aber ich denke, dass man bei beiden Formen mit verschiedenen Problemen zu kämpfen hat. Bei Animationsfilmen hat man mehr Zeit und man muss nicht mit Problemen wie Location-Suche, Lichtverhältnissen oder ähnlichem kämpfen. Aber dafür ist die Gefahr gegeben, dass man durch die lange Zeit irgendwann das Auge für den Film verliert. Man sieht immer wieder verschiedene Versionen und irgendwann weiß man gar nicht mehr richtig, was man da überhaupt sieht, weil alles nur noch nach Strichen und Farben aussieht. Es ist sehr wichtig immer bei der Sache zu bleiben, auch wenn man diese Tage hat, an denen man eigentlich überhaupt nicht arbeiten möchte. Man muss also immer alles im Auge behalten und sehr viel Geduld haben – auch wenn das manchmal sehr schwer fällt.

Wie lange hat die Arbeit an „Triff die Robinsons“ dann insgesamt für Sie gedauert?

Ich habe das Drehbuch im Jahr 2002 bekommen. Insgesamt hat die Arbeit dann 4,5 Jahre für mich gedauert. Das klingt sehr lange, aber ist für einen Animationsfilm durchschnittlich.

Gibt es bei der Geschichte des Waisen, der seine Mutter sucht, eine persönliche Verbindung zu Ihnen?

Ja, da gibt es definitiv eine Verbindung zu mir. Ich habe das Drehbuch nicht geschrieben, aber als ich es zum ersten Mal gesehen habe war mir sofort klar, dass es sehr viele Parallelen zwischen mir und Lewis gibt. Ich selbst wurde adoptiert und habe mir die selben Fragen gestellt. Wer ist meine wahre Mutter? Warum hat sie mich hergegeben? Deshalb war ich sehr glücklich ein Drehbuch zu bekommen, zu dem ich eine solch starke Verbindung habe und so kam es, dass ich diesen Film unbedingt machen wollte.

Als wir das Drehbuch dann bearbeitet haben, wurde diese Verbindung immer stärker für mich und es war eine fantastische Reise. Ich habe als Kind gewusst, dass ich adoptiert worden bin und meine Eltern haben mich sehr unterstützt. Sie haben auch immer gesagt, dass sie mich bei der Suche nach meiner wahren Mutter unterstützen würden, sobald ich 18 Jahre alt werde. Das hat mir als Kind sehr geholfen da für mich klar war, dass ich meine leibliche Mutter mit 18 Jahren finden würde. Eines Tages bin ich dann mit 24 Jahren aufgewacht und habe mir gedacht, dass ich das schon alles hätte herausfinden können und ich fragte mich, warum ich es nicht versucht habe. Ich kam dann zu dem Ergebnis, dass das alles nicht mehr so wichtig für mich ist. Ich war in einer sehr liebevollen Familie, meine Karriere lief gut und ich begann meine eigene Familie zu gründen. Ich habe realisiert, dass die Antwort zu meinem Ursprung überhaupt nichts verändert hätte. Auch Lewis hat die Antworten in der Vergangenheit gesucht aber tatsächlich sind diese Antworten in der Zukunft.

Haben Sie es inzwischen komplett aufgeben Ihre leibliche Mutter zu finden?

Ich habe es nicht aufgegeben, aber es ist nicht mehr wichtig für mich. Ich werde immer neugierig sein wer meine leiblichen Eltern sind, aber im Moment hat es für mich keine Priorität sie zu finden.

Haben Sie das Buch von William Joyce vor dem Drehbuch gelesen?

Nein, ich habe es erst danach gelesen. Ich wollte unbedingt die Ursprünge dieser Geschichte finden. Das Buch hat uns zu vielen Ideen inspiriert als wir angefangen haben, den Film zu designen. William Joyce selbst war auch involviert, hat uns geholfen und sehr viel Zeichenarbeit für uns gemacht. Er hat sehr eng mit unserem Design-Team zusammengearbeitet. Die Idee der Seifenblasen-Beförderung kam zum Beispiel von ihm.

Wie wichtig waren Filme für Sie in Ihrer Jugend?

Animationsfilme und generell Filme waren für mich ein großer Zufluchtspunkt in meiner Jugend. Ich liebte Filme zu sehen, in denen Kinder die Helden waren und man an ihren Erlebnissen teilhaben konnte. Das kann man bei „Triff die Robinsons“ zum Beispiel auch. Aber auch für Erwachsene sind diese Filme immer noch sehr interessant. Teilweise sind die Unterschiede zwischen Eltern und Kindern nicht so groß.

Hatte Ihr Sohn auch Einfluss auf den Film?

Ja, er hat den ganzen Film jedoch noch nicht komplett gesehen, da er auf die finale Fassung warten wollte. Aber ich habe ihm immer wieder Zeichnungen und kleine Szenen gezeigt, um zu erfahren, wie das alles auf ein Kind wirkt. Man erkennt bei Kindern sehr schnell, ob man etwas falsch gemacht hat und das ist sehr hilfreich. Wenn er über etwas gelacht hat waren wir immer sehr glücklich.

Wie teuer und kompliziert wäre es geworden etwas zu verändern, wenn Ihrem Sohn etwas nicht gefallen hätte?

Das kommt darauf an, um was es genau geht. Viele Dinge, die ich ihm gezeigt habe, waren sehr frühe Versionen. Somit war es noch sehr leicht etwas daran zu verändern. Zum Glück hat er nichts Schlechtes an den fertigen Szenen gefunden, die ich ihm gezeigt habe.

Die Botschaft des Films ist, dass man niemals aufgeben sollte – sehen Sie das auch als Motto für Ihr eigenes Leben?

Ja, irgendwie schon. Als wir diesen Film gedreht haben kam immer wieder dieses „Keep moving forward“ und wir haben uns schon einen Spaß daraus gemacht, wenn jemand diesen Satz gesagt hat. Wir haben sehr oft darüber gesprochen und haben uns immer wieder motiviert und gegenseitig angespornt. Bevor ich diesen Film gemacht habe wusste ich immer ganz genau, was ich als nächstes machen werde, aber das war hier nicht möglich. Ich musste Dinge spontan entscheiden und verändern. Aber ich wusste, dass ich diesen Film unbedingt machen wollte und habe das auch nie bereut.

Haben Sie eine Lieblingsfigur in „Triff die Robinsons“?

Eigentlich sind alle Figuren meine Lieblingsfiguren. Aber am liebsten von allen ist mir Lewis wegen der persönlichen Verbindung zu ihm. Ich kann sein Verhalten am besten nachvollziehen, weil ich das in gewisser Weise selbst durchgemacht habe.

Was würden Sie machen, wenn Sie einen solchen Gedanken-Scanner hätten, wie ihn Lewis erfunden hat?

Ich denke, dass ich versuchen würde etwas über meine leiblichen Eltern herauszufinden. Man könnte das Ganze damit aus einer sicheren Entfernung beobachten, ohne das Risiko einzugehen, dass man von seinen Eltern nicht akzeptiert werden würde.

Vielen Dank für das Interview!

Daniel Fürg

Daniel Fürg

Daniel Fürg absolvierte eine Ausbildung beim Bayerischen Rundfunk und bildete sich an der Bayerischen Akademie für Werbung und Marketing zum Kommunikationswirt fort. Er gründete verschiedene Onlinemedien, wie zum Beispiel MUNICH's BEST, 100SINS oder Social Secrets und arbeitete unter anderem für den Bayerischen Rundfunk, die Finanzsparte von Siemens, die Sana Kliniken AG und die MAROundPARTNER GmbH. Als Geschäftsführender Gesellschafter von Fürg Media berät er heute Unternehmen bei der Entwicklung und Umsetzung ganzheitlicher Kommunikationsstrategien. Daniel Fürg engagiert sich außerdem aktiv als Mitglied des Vorstands im Internationalen PresseClub München e.V. und ist Initiator der Digital Future Conference 48forward.