The Hateful Eight

Dass Quentin Tarantinos Kill Bill seinerzeit zweigeteilt in die Kinos kam hatte einen sehr pragmatischen Grund: Harvey Weinstein, damaliger Boss des Filmstudios Miramax, befand den Film schlicht als zu lang. Niemand würde sich einen vierstündigen Rachefeldzug im Kino anschauen und so entstanden mit „Kill Bill Vol.1 und Vol.2“ kurzerhand zwei Teile, das überschüssige Material verschwand in den Archiven. Liest man allerdings das Drehbuch, hätte die Geschichte von Kill Bill auch gut und gerne nach etwa einer halben Stunde enden können.

Dort gibt es nämlich eine Szene in der die Braut nach Erwachen aus ihrem Koma in die texanische Wüste fährt, um dort ihre zuvor versteckte Ausrüstung wiederzuerlangen. Dieser Part fiel der Schere zum Opfer, doch um einiges interessanter ist das, was da noch im Drehbuch steht. Hätte die Braut ihre Sachen in der weiten Einöde nicht mehr gefunden, hätte sie dies als ein Zeichen angesehen und ihre Vergeltungs-Odyssee daraufhin ad acta gelegt.

Natürlich stand es nie zur Debatte diese Szene zu verfilmen, da sie die Prämisse des eigentlichen Rachefeldzugs negieren würde, Rachefeldzüge stellen überraschenderweise das Hauptelement von Rachefilmen dar. Doch warum steht das alles dann überhaupt im Drehbuch?

Um das zu verstehen muss man wissen, dass sich Quentin Tarantino selbst als Autor betrachtet. So sagt er von sich selbst auch, dass er sein eigenes Material adaptiert. Er schreibt keine schnöden Screenplays, er verfasst Romane in Drehbuch-Form, die er dann in ein filmisches Korsett zwängt. Bisher ist er damit auch ausgezeichnet gefahren, sind seine Markenzeichen doch unter anderem die scharfen, observierenden Dialoge und die differenzierten Charakterzeichnungen. Allesamt Attribute eines hervorragenden Schriftstellers.

Doch Quentin Tarantino liebt nicht nur Filme im Allgemeinen sondern vor allem sich und seine eigenen Filme. Betrachtet man seine bisherige Filmographie hat er dazu auch ein gewisses Recht, allerdings schlägt diese Selbstverliebtheit bei „The Hateful Eight“, seinem neusten Streich, zuweilen negativ zu Buche. Das gesamte erste Drittel besteht aus – Tarantino-untypisch – manchmal langatmigen und teilweise zähen Dialogen zwischen verschiedenen Personen. Diese Gespräche, die meist dazu dienen die Hintergrundgeschichte der acht Protagonisten zu erläutern, sind auch – Tarantino-typisch – mit einiger Lässigkeit und saloppen Umgangsformen garniert, lassen aber völlig eine Klimax vermissen. Hier beweihräuchert Tarantino schlicht seine eigenen Fähigkeiten als Autor, in der Annahme, es würde schon genügen seine abgedrehten Figuren über Gott und die Welt reden zu lassen um den Zuschauer bei Laune zu halten – dem ist nicht so.

Nach etwa einer Stunde ändert sich dieser Zustand glücklicherweise jedoch. Die Situation in einer Berghütte in Wyoming, ein paar Jahre nach dem amerikanischen Bürgerkrieg, in der acht Fremde vor einem gewaltigen Schneesturm Zuflucht suchen, spitzt sich immer mehr zu. Jetzt entfaltet sich das volle Potential Tarantinos und es wird ersichtlich, warum dieser Mann so stolz auf sich selbst ist. Auf einmal beginnt der Zuschauer zu realisieren, dass hier etwas im Argen liegt, irgendetwas passt in dieser Hütte nicht zusammen. Die Atmosphäre ist plötzlich elektrisiert und nun sind auch die Dialoge wieder spannungsgeladen und pointiert, denn jedes Wort zu viel könnte ein Blutbad auslösen. Man hängt förmlich an den Lippen der Charaktere, allesamt raue und undurchsichtige Haudegen, und verfolgt jede ihrer Aktionen argwöhnisch.

Alle typischen Elemente für einen Tarantino Streifen sind nun dabei, von der Kompromisslosigkeit über den Anachronismus bis hin zu den derben Gewaltspitzen. Doch etwas Grundlegendes ist anders: die Musik. Zwar gibt es einige wenige Musikstücke aus der Popmusik, etwa von den White Stripes oder Crystal Gayle, doch der Großteil des Soundtracks wurde komponiert, und zwar von niemand geringerem als Ennio Morricone. Tarantino, der sonst Szenen teilweise zu bestimmten Songs schreibt, hat nun die Seele seines Films jemand anderem anvertraut, wie er es nennt. Doch wer würde besser passen als der Mann, der schon so vielen klassischen Western zuvor eine Identität verlieh, niemand sonst wäre vorstellbar gewesen. Interessanterweise lehnt sich Morricones Komposition für „The Hateful Eight“ mehr an seiner Arbeit zu „Das Ding aus einer anderen Welt“ von John Carpenter an, als an seine berühmten Western-Arien für etwa „Spiel mir das Lied vom Tod“ oder „Zwei glorreiche Halunken“. Dies zahlt sich aus, ist „The Hateful Eight“ im Kern ebenfalls viel mehr beklemmendes Kammerspiel als Western-Epos. So untermalen die dumpfen, dunklen Klänge wunderbar die kalte Stimmung des Films und kündigen gleichzeitig von großem Unheil.

Unheil, welches laut Tarantino auch die Filmindustrie befällt, wenn sie der Kosten wegen nur noch digital dreht und nicht mehr auf Zelluloid. Als großer Wortführer der Analogfilm-Verfechter, hat er es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, die Vorzüge dieser Art des Filmemachens zu zeigen und sich einen besonderen Kniff überlegt. „The Hateful Eight“ wurde komplett auf 70-mm-Film gedreht. Mit fast dreimal so viel Fläche im Vergleich zu Normalfilm bietet 70-mm ein riesiges, breites Format. Die Technik von damals wird aber heutzutage kaum noch genutzt, deshalb mussten extra die Kameralinsen, die schon bei „Ben Hur“ zum Einsatz kamen, beschafft werden.

Der Aufwand hat sich allerdings gelohnt, durch Kameramann Robert Richardson entstanden atemberaubende Landschaftsaufnahmen der verschneiten Berggegend und phänomenale Bildkompositionen. Doch vor allem in der Hütte selbst, in der die Geschichte zum Großteil stattfindet, kommt das breite Bild hervorragend zum Tragen. So sind oftmals mehrere Figuren gleichzeitig zu sehen und auf allen liegt der Fokus, die gesamte Szenerie wirkt ungleich lebendiger. Dadurch erinnert die ganze Inszenierung an ein Theaterstück.

Ganz wie im Theater gibt es auch hier beizeiten einen Sprecher aus dem Off. Und so sehr Quentin Tarantino den Film als analoges Medium liebt, am meisten liebt er immer noch Quentin Tarantino. Daher ist der Sprecher hier natürlich er selbst.

Fabian Ohrner

Fabian Ohrner ist Vollblut-Cineast und schreibt bereits seit 2004 Filmkritiken. Der Münchner liebt Filme mit Tiefgang und die ganz große Filmkunst, die nicht immer nur in besonders künstlerischen Filmen liegen muss.