Veronica Ferres über „Die Wilden Hühner“

Hatten Sie selbst auch mal so eine Bande oder hat vielleicht auch ihre Tochter schon so etwas wie die wilden Hühner?

Ach das sind schon viele wilde Hühner, wenn Lilly Zuhause mit ihren Freundinnen herumspringt. Aber nein – so eine Jugendbande oder Gang hatte ich früher nicht. Ich habe zwei ältere Brüder und wollte immer dazugehören, aber das war für die natürlich immer uncool, wenn die kleine Schwester dabei sein wollte. Ich bin im Bergischen Land auf einem Hof groß geworden und bin sehr naturverbunden aufgewachsen. Ich weiß, dass es meine Brüder immer sehr genossen haben, wenn ich Mutproben bestehen musste, um dazugehören zu dürfen. Ich musste mal von einer ganz hohen Ziegelsteinmauer springen, alle haben unten gestanden und gesagt, dass ich springen muss. Ich bin dann auch gesprungen und habe mich nicht verletzt, dann ging es ab in den Wald. Die haben mich dann natürlich oft zum Wache schieben eingeteilt, oder ich musste etwas aus der Küche klauen, was sie dann in ihrem schrecklichen Blechtopf über dem Lagerfeuer gekocht haben und was fürchterlich schmeckte. Ich wollte eben immer zu den Jungs gehören und lief auch Jahre lang mit Latzhose und Mütze rum.

Was war eigentlich der Beweggrund Schauspielerin zu werden?

Meine Liebe zur Literatur… Ich habe sehr früh gemerkt, dass der liebe Gott mir Talent geschenkt hat. Ich habe auch sehr früh durch Theater- Erfahrungen in der Schule und dann auch an einem Kölner Theater gemerkt, dass ich die Leute in eine andere Welt verzaubern konnte. Ich habe dann Theaterwissenschaften als Hauptfach und Germanistik als Nebenfach in München an der LMU studiert. Ich kann das nicht genau beschreiben, aber es war eine innere Stimme, die stärker war als alle Probeaufnahmen, Hindernisse und Vorsprechen, die nicht geklappt haben. Ich hatte sehr früh ein Engagement am Landestheater Coburg, eine kleine Rolle am Bayerischen Staatstheater und mit 19 eine Hauptrolle bei Edgar Reitz in „Die zweite Heimat“.

Also sehr viel Hartnäckigkeit…

Hartnäckigkeit, aber auch sehr viel Fleiß. Mich hat gerade jemand gefragt, ob ich ehrgeizig bin? Wenn man unter Ehrgeiz versteht, dass man sehr schnell sehr viel lernen möchte, dann bin ich sehr ehrgeizig. Ich liebe es, von Menschen zu lernen. Ich habe zum Beispiel im Sommer das Tauchen im Mittelmeer gelernt und der Tauchlehrer war überrascht, wie schnell ich die Dinge begriffen und sie dann auch umgesetzt habe. Aber das ist ja auch mein Beruf. Ich muss mich auf die Fantasie und die Vision des Regisseurs einstellen und das Ganze schnell umsetzen.

Was bedeutet es für sie jetzt Mutter zu sein? Ich meine im Moment stehen Sie ja sehr im Rampenlicht…

Das Schönste ist für meine Tochter Pfannkuchen oder Kartoffeln mit Kräuterquark zu machen. Ich komme gerade aus dem Urlaub – ich war zwei Wochen mit der Familie Ski fahren – und für mich steht die Familie an erster Stelle. Die Entscheidung getroffen zu haben, Verantwortung zu übernehmen, das ist das Schönste und Wichtigste in meinem Leben. Und der Beruf ist etwas, das zu mir und meiner Existenz dazugehört und ich liebe meinen Beruf. Ich könnte ihn nie aufgeben, aber ich habe mich seit es meine Tochter gibt, sehr eingeschränkt und drehe nur noch halb so viel wie früher.

Haben sie manchmal Angst, die Privatsphäre ganz zu verlieren? Also, dass es zu einem Punkt kommt, wo es einfach zu weit geht?

Ach so, Sie meinen die Art von Journalismus, die sich ins Privatleben einmischt – das ist manchmal sehr unangenehm. Wenn man in den Urlaub fährt und dortgleich Paparazzi antrifft, dieeinen zu fotografieren versuchen, ist das nicht angenehm. Aber das ist eben die Kehrseite der Medaille. Man versucht einfach, gewisse Dinge nicht an sich ran zu lassen. Das muss man lernen. Man muss sich auch schützen. Wir schützen zum Beispiel unsere Tochter, indem wir allen Redaktionen verboten haben, Bilder von ihr zu veröffentlichen, damit sie unbefangen aufwachsen kann.

Was war ausschlaggebend für ihre Entscheidung bei „Die Wilden Hühner“ mitzumachen?

Ausschlaggebend waren sicherlich die Produzentin Uschi Reich und die Regisseurin Vivian Naefe, die schon vor langer Zeit auf mich zugekommen sind. Damals hat Uschi Reich von dem Projekt erzählt und mir auch erklärt, wie sie die Rolle sieht, nämlich chaotisch, liebenswert und ständig überfordert. Eine Taxifahrerin, die ihr Privatleben nicht auf die Reihe bekommt. In dieser Geschichte werden die Probleme der heutigen Jugendlichen gut angesprochen. Jedes Kind hat sein eigenes Päckchen zu tragen. Die Eine lebt ohne Vater, die Andere stopft sich als Scheidungskind ewig etwas zu Essen rein, weil sie einfach nicht damit fertig wird, die Dritte wird Zuhause nur an Schulnoten und Erfolg gemessen und möchte einfach nur dazu gehören und die Vierte leidet an der Arbeitslosigkeit ihres Vaters. Das sind alles Themen, die sehr aktuell sind. Es wird auf eine sehr amüsante Weise gezeigt, was alles möglich ist, wenn man zusammenhält und miteinander versucht, die Probleme zu bewältigen.

Die Taxifahrerin Sibylle, die Sie im Film verkörpern, überlegt, nach Amerika auszuwandern. Haben Sie jemals ans Auswandern gedacht?

Ich möchte nicht nach Amerika auswandern. Ich bin zwar immer wieder gerne beruflich da, das ist auch wichtig und ich genieße das sehr, aber um auszuwandern liebe ich meine Muttersprache und mein Vaterland zu sehr.

Wie würden sie die Arbeitsweise von Vivian Naefe beschreiben?

Sie hat ihre neun Kinder und uns Erwachsene sehr gut im Griff gehabt, wie ein Dompteur in der Manege. Es gab genaue Spielregeln, sonst hätte das wahrscheinlich nicht geklappt. Sie weiß genau, was sie möchte. Was ich sehr an ihr schätze ist, dass sie intensiv vor Drehbeginn probt.

Vielen Dank für das Interview!

Daniel Fürg

Daniel Fürg

Daniel Fürg absolvierte eine Ausbildung beim Bayerischen Rundfunk und bildete sich an der Bayerischen Akademie für Werbung und Marketing zum Kommunikationswirt fort. Er gründete verschiedene Onlinemedien, wie zum Beispiel MUNICH's BEST, 100SINS oder Social Secrets und arbeitete unter anderem für den Bayerischen Rundfunk, die Finanzsparte von Siemens, die Sana Kliniken AG und die MAROundPARTNER GmbH. Als Geschäftsführender Gesellschafter von Fürg Media berät er heute Unternehmen bei der Entwicklung und Umsetzung ganzheitlicher Kommunikationsstrategien. Daniel Fürg engagiert sich außerdem aktiv als Mitglied des Vorstands im Internationalen PresseClub München e.V. und ist Initiator der Digital Future Conference 48forward.